Tiroler Anzeiger – Nummer 192 – Innsbruck, Freitag, 23. August 1935 – Seite 5

Original-Zeitungsartikel der Tiroler Zeitung vom 28. August 1935 (Quelle: anno.onb.ac.at)

Das Steyr-Baby

Vor einigen Tagen wurden die Radiohörer Österreichs durch die Nachricht überrascht, daß die Steyr ­Werke ihr jüngstes Erzeugnis, den seit langem erwarteten Volkswagen (oder wie er nun ein für alle mal getauft wurde: das Steyr-Baby) in der nächsten Zeit auf den Markt bringen werden. Zwar dürfte es doch noch ein wenig länger dauern, etwa bis März, bis das Steyr-Baby in Massenauflage durch die Straßen „fegen“ wird, aber seit der erfreulichen Radiomeldung ist das Interesse des Publikums groß.

Wie dieser Volkswagen aussehen wird. Keine rückwärts eingespannten Pferdekräfte (Heckmotor), kein Zug statt Schub (Fronttrieb), kein primitives Kühlen mit Luft! Sondern: Rahmenlose, freitragende Karosserie, Vierzylinder-Boxermotor, Einzelaufhängung der Räder, Vierganggetriebe mit zwei Synchronisierten, 1 Liter Gesamtvolumen, 24 Pferdekräfte, 7.5 Liter per 100 Kilometer, vier bequeme Sitze, reichlich viel Aerodynamik, Gesamtgewicht 650 Kilo. Alles normal, wie es sich gehört — kleiner großer Wagen.

Worüber der Laie staunt und der Fachmann sich wundert? Der Preisrutsch von 7500 auf 4800 ungefähr. Wie wird so ein Preis erzeugt? Bei Citroen, bei Opel, bei Fiat in Turin zeichnet die gigantische Serie verantwortlich für die Billigkeit. Hierzulande läßt sich nicht ins Blitzblaue fabrizieren, kleine Staaten verdauen nur kleine Serien und schließlich kann selbst der fortschrittlichste Fabrikant wohl die Autos, nicht aber die Käufer am laufenden Band hervorbringen.

Wer kauft Steyr-Baby? So entsteht die Frage: Wieviel Anwärter auf das Steyr-Baby, solvente Anwärter, die 4800 Schilling in … zig Monatsraten zu zahlen in der Lage sind, beherbergt unser Österreich? Diesbezüglich bekunden die Herren Steyr-Direktoren fröhlichen Optimismus. Man spricht von 4000, neuerdings von 7000 und sogar 10.000 Volksausgaben des populären Hunderters, die im automobilistischen Glücksjahr 1936 vom In- und Ausland konsumiert werden sollen.

Wer kommt als Kundschaft in Betracht? Zunächst die Second-hand-Käufer, die bisher mit von hohen Herrschaften abgelegten Autos vorliebnehmen mußten und es nunmehr zu First-hand-Käufern bringen möchten: dann das Heer der Beiwagler, die sich immer irgendwie (vom Konstrukteur) unverstanden und (vom Schicksal) benachteiligt fühlten: endlich die große Truppe der Trotzköpfe, der ostentativen Zufußgeher und vorsätzlichen Streckenkartler, die, oft aus purem Justament, keinen Wagen anschaffen, dieweil es der Steyr-Direktion, wie sie meinen, an Verständnis für die vitalsten Bedürfnisse des kleinen Mannes fehle. Und die Kilometerfrage? Es heißt, daß die Schnelligkeit mit 75 Stundenkilometer begrenzt sein wird.

Zu den kostspieligsten Pflichten des Volantmenschen zählt die Haftpflicht. Der neugebackene Steyr nun soll auch haftpflichtmäßig allerhöchste Protektion genießen und mit einer kleinen Prämie, 150 Schilling etwa, aufwarten können.

Das Steyr-Baby (Foto: dave_7 – originally posted to Flickr as 1936 Steyr 50 Baby, CC BY 2.0, Link)

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Quelle: anno.onb.ac.at